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Neues Chorwerk

Christian Muthspiel
Geliebte Frau Clara!

Für sechs Chöre und Posaune mit Live-Electronics, 2008, UA


Text: 
Briefzitate von Johannes Brahms, 
Gedichte von Georg Friedrich Daumer,
anonym (russisch-polnischer Volkstanz),
zusammengestellt und bearbeitet von Christian Muthspiel


Auftragswerk der „Gesellschaft der Musikfreunde in Wien" und
„Wiener Mozartjahr 2006" zum 150. Jubiläum des Wiener Singvereins


Wiener Singverein
Christian Muthspiel: Posaune, Electronics
Dirigent: Johannes Prinz


Christian Muthspiel über „Geliebte Frau Clara!"
Der Erteilung des Kompositionsauftrages, für den Wiener Singverein ein Stück zu dessen 150. Geburtstag zu schreiben, folgte eine Zeit des Überlegens und Recherchierens rund um die historische Dimension des Anlasses. Denn mir war schnell klar, dass ich das spezielle Ereignis dieses wahrlich musikgeschichtlichen Jubiläums und die Besonderheiten des Uraufführungs-Chores in die Komposition einfließen lassen wollte.
Da ist einmal hervorzuheben, dass es sich beim Singverein seit jeher um einen Amateurchor handelt. Um einen Klangkörper, der in einer Zeit gegründet wurde, in der das musikalische „Dilettieren" noch weit verbreitetes, oftmals auf sehr hohem Niveau praktiziertes  und privates Musizieren zum reinen Vergnügen der Ausübenden war, noch ohne Ahnung von jenem Beigeschmack, der heute dem Wort „Dilettant" anhaftet.
Das hieß für mich als Komponist, jene Grenze auszuloten, die durch diesen Umstand in technischer Hinsicht gegeben ist, verbunden mit dem unschätzbaren Vorteil, eine große Sängerinnen- und Sängerschar kompositorisch bedienen zu dürfen, die nicht in einen Proben- oder Konzertdienst zu gehen pflegt, sondern mit ihrem inneren Feuer im besten Sinne des Wortes „freiwillig" - also frei und willig - quasi um ihr Leben singt.
Dass einer der ersten Chorleiter des Singvereins Johannes Brahms hieß, fasziniert mich insofern, als die damit verbundene Einheit von Dirigent und Komponist meiner Vorstellung eines schöpferischen Musikers entspricht, der eigene, neue Werke schafft und diese auch adäquat umzusetzen weiß. Somit wurde Brahms zum Thema dieser Komposition und auch zu deren Librettisten.
Ausgehend vom Umstand, dass - ganz im Gegensatz zum Instrumentalisten - der singende Mensch bei jedem Ton sein Geschlecht preisgibt, man also sofort hört, ob es sich um Frau oder Mann handelt, teilte ich den Chor in sechs reine Frauen- und Männerchöre auf um klanglich und räumlich die Trennung von Frauen- und Männerstimmen in den Vordergrund zu stellen. Indem nun unerfüllte Sehnsucht, überbordende Leidenschaft (und der Versuch, diese zu kontrollieren), sowie letztendlich das hymnische Besingen der Liebe zum Sujet wurden, versuchte ich, das gegenseitige Werben, das einander Ansingen, aber auch aneinander Vorbeisingen, mit dieser geschlechtlich getrennten Chorsituation zu beschreiben.
Zitate aus Briefen von Brahms an Clara Schumann, berührende Beweise einer großen und ebenso problematischen Liebe, formte ich, erweitert durch drei von Brahms als Liebesliederwalzer vertonte Gedichte, zum Stücktext.
Mit dem Thema „Leidenschaft und deren Kontrolle" (siehe Briefzitat) ist zudem auch ein immanent künstlerisches Grundproblem angesprochen, denn das Erzeugen von Emotion bei gleichzeitiger formaler Kontrolle stellt eine der grundsätzlichen Herausforderungen allen kreativen Schaffens dar. Brahms ist dieser schöpferische Spagat vollendet gelungen.
Der ebenfalls einem Brahms-Brief entnommene Titel „Geliebte Frau Clara!" symbolisiert das grundlegende Thema des Stücks: Wird doch die intime Anrede „Geliebte Clara!" durch die offizielle, formal entsprechende und distanzierende Bezeichnung „Frau" entschärft.

Die verwendeten Texte im Original:

„Leidenschaften gehören nicht zum Menschen als etwas Natürliches. Sie sind immer Ausnahmen oder Auswüchse. Bei wem sie das Maß überschreiten, der muss sich als Kranken betrachten und durch Arznei für sein Leben und Gesundheit sorgen."
1858, Brahms an Clara Schumann (1858 = Gründungsjahr Wiener Singverein)

O die Frauen, o die Frauen,
wie sie Wonne tauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
wären nicht die Frauen!
Text: Georg Friedrich Daumer, 1869 vertont von Brahms (Liebesliederwalzer op. 52 nr.3)

Wie des Abends schöne Röte
möcht ich arme Dirne glühn,
Einem, Einem zu gefallen,
sonder Ende Wonne sprühn.
Text: anonym (Russisch-Polnischer Volkstanz),
1869 vertont von Brahms (Liebesliederwalzer op. 52 nr.4)

O wie sanft die Quelle sich
durch die Wiese windet!
O wie schön, wenn Liebe sich
zu der Liebe findet!
Text: Georg Friedrich Daumer, 1869 vertont von Brahms (Liebesliederwalzer op. 52 nr.10)

Weitere in Teilen verwendete Zitate aus Briefen von Johannes  Brahms an Clara Schumann:

Geliebte Frau Clara!

Teuerste Freundin, wie liebevoll blickt mich das trauliche „Du" an! Tausend Dank dafür, ich kann's nicht genug ansehen und lesen, hörte ich es doch erst; selten habe ich das Wort so entbehrt, als beim Lesen Ihres letzten Briefes.

Meine geliebte Clara, ich möchte, ich könnte dir so zärtlich schreiben, wie ich dich liebe, und so viel Liebes und Gutes tun, wie ich dir's wünsche. Du bist mir so unendlich lieb, dass ich es gar nicht sagen kann. In einem fort möchte ich dich Liebling und alles mögliche nennen, ohne satt zu werden, dir zu schmeicheln. (...) Deine Briefe sind mir wie Küsse.

Der Werktext:

fett = Frauen- und Männerchöre gemeinsam
kursiv= nur  Frauenchöre
normal = nur Männerchöre

GELIEBTE FRAU CLARA!
Leidenschaften gehören nicht zum Menschen als etwas Natürliches. Sie sind immer Ausnahmen oder Auswüchse. Bei wem sie das Maß überschreiten, der muss sich als Kranken betrachten und durch Arznei für sein Leben und Gesundheit sorgen.
LEIDEN-
DU
-SCHAFTEN
DU
DEINE BRIEFE SIND MIR WIE...
DU
WIE DES ABENDS-
DU
LEIDENSCHAFTEN GEHÖREN...
DU
-SCHÖNE RÖTE
DEINE BRIEFE SIND MIR WIE KÜSSE
WIE DES ABENDS SCHÖNE RÖTE, MÖCHT  ICH ARME DIRNE GLÜHN
LEIDENSCHAFTEN GEHÖREN NICHT ZUM MENSCHEN ALS ETWAS NATÜRLICHES
GLÜHN
ETWAS NATÜRLICHES
GLÜHN
NATÜRLICHES
GLÜHN
MENSCHEN
GLÜHN
DU
LEIDENSCHAFTEN GEHÖREN NICHT ZUM MENSCHEN ALS ETWAS NATÜRLICHES
ARME DIRNE GLÜHN
O DIE FRAUEN
MÖCHT ICH ARME DIRNE GLÜHN
FRAUEN
ARME DIRNE GLÜHN
MÖCHT ICH ARME DIRNE GLÜHN, EINEM EINEM ZU GEFALLEN
AUSNAHMEN, AUSWÜCHSE
SONDER ENDE WONNE SPRÜHN
O DIE FRAUEN O DIE FRAUEN, WIE SIE WONNE TAUEN
MÖCHT ICH ARME DIRNE GLÜHN
LEIDENSCHAFTEN GEHÖREN NICHT ZUM MENSCHEN ALS ETWAS NATÜRLICHES 
O DIE FRAUEN O DIE FRAUEN, WIE SIE WONNE TAUEN
WÄRE LANG EIN MÖNCH GEWORDEN, WÄREN NICHT DIE FRAUEN
WIE DES ABENDS SCHÖNE RÖTE, MÖCHT ICH ARME DIRNE GLÜHN
O WIE SANFT DIE QUELLE
SICH DURCH DIE WIESE WINDET
WÄRET NICHT IHR FRAUEN
DIE WIR WONNE TAUEN
O WIE SANFT DIE QUELLE
SICH DURCH DIE WIESE WINDET
O WIE SCHÖN WENN LIEBE
SICH ZU DER LIEBE FINDET

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