Lyrik: Marcel Beyer
Schreibhand
Nimm jetzt die schwere
Schreibhand aus dem
Nacken, Zeit für die
Daumenübungen, jetzt
setz dich hin. Setz dich,
so wie du immer
dagesessen hast, als
ob die Sprache dir
ein frisch gestärkter
Kragen sei. Das ist
nicht viel. Ist nichts.
Muß alles sein.
Man hört deine Gelenke
knacken. Du sagst,
wenn da nur keine
Kugelschreiberspuren
sind. Der Unterarm. Du
sagst, der Ellbogen
hat noch ein wenig
Spiel. Dein wollener
Nacken. Gestärkt.
Von unvertrautem Glanz.
Und schwer.
Und sauber abgemessen.
Reisekadermelodien
I
Was müssen das für rohe
Morgenträume sein, in
denen ich die Prominentenwand
studiere, jedes Gesicht und
jedes Autogramm. Ganz ohne
Hintergrundgeräusch geht
nichts. Ich warte. Hotel-,
ja, helle Morgenträume noch
im Frühstücksraum, Klavier,
die Umluft, Kaffeeautomaten.
WAS GLOTZT IHR ALLE
SO, ALS OB DAS MONSTER
AUFGESTANDEN WÄRE? brüllt
eine müde Frau am Früchtetresen,
der Himmel sieht nach Kiew,
sieht nach Bischofswerda aus.
II
Rötlich, dann grau, dann schwarz
überzeichnet. Die schwere
Wolkenplatte in der Ferne.
Noch einmal rot, ins Abgas
gewendet. Schneefarben: nur ein
Widerschein. Diesel. Graphit.
Karotte. Dann Erdbeerquark.
Dann säuft er langsam ab.
III
Niemand schaut jetzt mehr hin.
Was müssen das für helle
Frühstücksräume sein,
und was für eine Luft ist das,
in der die Reisekadermelodien
hängenbleiben, von Fernsehtag
zu Fernsehtag, die ganze
durchgeheizte Nacht. Die Frau
ist raus. Die Saftmaschine streikt.
Ich weiß, die haben hier
ein Riesenbeinfleisch auf
der Karte, die Sachsenspeise und
das Slawenglück, ich weiß, hier gilt
das Wort des Küchenpersonals,
mich aber ködert man
mit Abendsonnenschein.

