ENNAHH...An Albert Mangelsdorff
Konzert für Posaune und Orchester, 2005
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Christian Muthspiel über ENNAHH (Dezember 2005)
4 Packungen Bleistiftminen (0,7mm, Härtegrad B2), 200 Blätter A3-Papier (für Skizzen und Reinschrift), 150 Liter japanischer Grüntee (unparfümiert!) und Monat um Monat selbstgewählte Einsamkeit am Komponiertisch. Bei einem „Musikgewinn" von durchschnittlich 15 Sekunden pro Arbeitstag (je nach Metronomzahl dauern schnelle Passagen entsprechend länger als Teile im langsamen Tempo) kommt man bei einer Gesamtlänge von 23 Minuten auf 92 volle Tage für das eigentliche Komponieren plus ca. 3 Wochen für die Reinschrift. Dazu sind noch die „leeren" Tage zu zählen: damit meine ich jene, deren Komponierfortschritt am darauf folgenden Tag mittels Entsorgung der Partiturseiten im Altpapier wieder vernichtet wird. Diese Arbeitsphase wurde zusätzlich durch verschiedene Konzertauftritte und die Vorbereitung darauf unterbrochen und verlängert. Das sind die äußeren Koordinaten zur Entstehung des Posaunenkonzertes „ENNAHH...An Albert Mangelsdorff" und Komponistenalltag.
Über die inneren Vorgänge zu berichten fällt weit schwerer und soll auch nur bis zu einem gewissen Grad stattfinden, sollte ja das Stück selbst die Mitteilung sein und nicht die Sekundärtexte dazu.
Für mich selbst ein Konzert zu schreiben (es ist mein erstes Posaunenkonzert, nachdem ich mich mit der Gattung Solokonzert bereits mittels eines Violin-, eines Klavier-, und eines Doppelkonzertes für Violine, Cello und Orchester beschäftigt hatte) hat mich vor neue Situationen gestellt. Einerseits weiß ich um die Möglichkeiten der Posaune und um mein Spiel bestens bescheid, andererseits musste immer wieder der Komponist in mir den Solisten in dessen Begehrlichkeiten einbremsen. Die Architektur des gesamten Werkes musste übergeordnete Größe bleiben und in Momenten der Entscheidung hatte der Komponist gegenüber dem Solisten das letzte Wort. (Und wird es auch dann behalten, wenn andere Posaunisten das Werk interpretieren werden). Es kam also zu einer Reihe von inneren Dialogen, wie etwa: „Christian, hier würde ich gerne folgendes spielen...". „Tut mir leid, Christian, aber das ist dramaturgisch unmöglich, sonst ist der große Bogen zerstört" etc.
Ich wollte ein Stück schreiben, das sich intensiv mit dem PULS beschäftigt, das den Umgang mit Puls in vielen Varianten zelebriert und dieses Thema von Anfang bis Ende konsequent als gestalterisches Grundelement verwendet. Puls ist Atem, Einteilung der Zeit, Herzschlag, Bewegung. Zwei akustische Signale stellen bereits eine rhythmische Information dar, die meisten Menschen können aus dem Gedächtnis die rhythmische Struktur von Musikstücken genauer wiedergeben als die exakten Tonhöhen. Das Stück handelt vom Puls und dessen Beschleunigung, vom Dehnen und Zusammenziehen, vom Variieren des Vordergrundes musikalischer Figuren über dem Hintergrund eines gleich bleibenden Metrums.
Wenige Grundelemente bleiben über das gesamte Konzert die zentralen gestalterischen Mittel: Zum einen der eben angesprochene Puls, zum anderen eine harmonische „Zelle", aus der, hundertfach variiert, immer wieder aufs Neue geschöpft wird, und weiters eine sehr einfache, zwölftönige Linie, welche die Soloposaune, mittels mehrstimmigem Spiel sich selbst harmonisierend, vorstellt.
Dieses mehrstimmige Spiel auf einem „eigentlich" einstimmigen Instrument, das sogenannte „Multiphonic"-Spiel, entsteht durch gleichzeitiges herkömmliches Anblasen und Singen in das Instrument und erzeugt dadurch, je nach Intervall zwischen gespieltem und gesungenem Ton, zwei- bis vierstimmige Klänge. Eine Technik, die, wie alle akustischen Phänomene, auf der Obertonreihe basiert und die Posaune zu einem mehrstimmigen Instrument erweitert.
Albert Mangelsdorff, einer der ganz großen Meister des Jazz und der improvisierten Musik, hat das Multiphonic-Spiel auf der Posaune zu bis dahin ungekannter Perfektion und Klangvielfalt entwickelt. Seine Solokonzerte waren legendär: Ein Posaunist allein spielt ein ganzes Konzert lang aufregende, spannende, selbst erfundene und erzählende Musik. Mangelsdorff starb im Sommer 2005, als ich bereits am Posaunenkonzert komponierte. Sein Tod hatte entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung des Konzertes und ihm, Albert, sei ENNAHH... nachgerufen.
Pressezitate zu den ersten beiden Aufführungen
Linz (UA), 25.2.06, Brucknerhaus, Großer Saal, RSO Wien, Petri Sakari
Wien, 10.3.06, Musikverein, Großer Saal, RSO Wien, Michael Schönwandt
Solist: Christian Muthspiel, Posaune
DER STANDARD Wien
...Einerseits in Gestalt einer quasi-thematischen, in veränderlichen harmonischen Timbrefarben beleuchteten Zwölftonlinie, andrerseits aber in teils burlesken, teils Marsch- und Volkstanz-inspiriert anmutenden Motiven, rhythmisch prägnanten „Anreißern", über die Muthspiel das Orchester groovig infizierte. Nach einer lang angelegten Steigerung und einer heftigen Klimax blieb am Ende des transparenten Stückes ein poesievoller Ausklang: Ausatmen. Stille.
DIE PRESSE Wien
Wien...Der eigentliche rote Faden ist aber der Puls: nach einem einleitenden „Urknall" steigt er stetig an. Von anfänglich 44 Schlägen pro Minute auf 180 zum Schluss. Die Kunst Muthspiels bestand darin, dass er diese Beschleunigung raffiniert einkomponiert hat. Für spannende Farben sorgen neben dem ansehnlichen Dämpfer-Arsenal vor allem die Multiphonic-Passagen: In ihnen wird die Posaune vom Melodie- zum Harmonieinstrument...
WIENER ZEITUNG Wien
...Atemberaubender Tribut...
...Rhythmen durchpulsen es wie schräge Loops, korrespondieren mit Posaunen-Multiphonics, sprich schillernden Mehrklängen des Solisten. Hier hat der Selbstinterpret Muthspiel etwas zu erzählen, bald mit schamanischer Eloquenz, bald heiterem Growl-Effekt, und nicht nur vom Widmungsträger, sondern einem Lebensquell: dem Atem, der das Instrument zuletzt ruhig durchströmt.
OBERÖSTERREICHISCHE NACHRICHTEN Linz
...Posaune virtuos ohne Ruhepause...
...rhythmisch und klangfarbig hoch differenziert und einfallsreich...
...stark meditativer, virtuoser Solopart...
...große, beeindruckende Kadenz...
...heikler, wirkungsvoller Orchesterpart mit eigenständiger, tragender und begleitender Wirkung...
...bemerkenswerte Leistung...
NEUE KRONEN ZEITUNG Linz
...Über dem dichten, dynamischen Orchesterhintergrund entwickelt sich der in sorgfältiger Eloquenz gearbeitete Solopart auf den von abenteuerlichen Klangeffekten strotzenden Kadenz- und Finalteil hin...
NEUES VOLKSBLATT Linz
...im Dickicht der mit reichlich Schlagzeug versehenen Orchesterpartitur vermochte sich das mit verschiedenen Spieltechniken operierende Soloinstrument mühelos durchzusetzen...
NEUE MUSIKZEITSCHRIFT Wien
... - immer wieder beeindruckend die Multiphonics, die auch an den während der Arbeit an dem Stück verstorbenen „Meister des Jazz und der improvisierten Musik" Albert Mangelsdorff erinnern sollten - in denen die hervorragende Qualität des Interpreten voll zur Geltung kam. Zu keiner Zeit schaltete und waltete der Interpret absolut, eine sinnvolle Beziehung zum Ganzen bleibt immer gewahrt.
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